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17.07.2011

Nahrungsketten

Das Wasser war kalt. Zu kalt, um sich noch  länger darin aufzuhalten. Sie kannte die Oze-ane und das Meer. Die Tiefen und Untiefen, Strömungen und Temperaturen. Sie kannte es sehr gut und vor allem kannte sie die vielen großen und kleinen Meeresbewohner. Von den Tiefseegräben über die weiten Unterwas-serebenen bis zu den Felsen und Riffen nahe der Küste. Die wundersamen Tintenfische und Oktopusse, die ihre Gestalt und Ober-fläche dem jeweiligen Untergrund anpassten, die zweigeschlechtlichen Doraden, die obskuren Seegurken und angst einflößenden Seeteufel, die einzelgängerischen Moränen, all die vielen kleinen Rifffische, die Mies-muscheln und das Plankton, weiter draußen die großen Schwärme Sardinen und Heringe, Thunfische und Heilbutte. Jahrelang hatte sie die Pracht und Artenvielfalt sowie deren Nutzen für das Ökosystem Ozean studiert.

 

Begonnen hatte alles mit der Liebe. Mit der Liebe zum Wasser und zum Meer. Aber auch mit der Liebe zu Miguel. Ungefähr fünf Jahre war es nun her, dass sie sich kennen gelernt hatten. Sie besuchte gerade Ihre ersten Meeresbiologie Vorlesungen an der Universidad de Barcelona, als sie an einem heißen Nachmittag Miguel zum ersten Mal sah. Er war ein Sunnyboy, Taucher, Volley-ballspieler, Skater und Surfer, ein echter Beachboy eben. Sie hatte ihn an diesem Nachmittag nur kurz gesehen, wie er mit seinen Freunden und ein paar von diesen Strandschicksen auf den Felsen gesessen und einen Joint geraucht hatte. Sie war viel zu schüchtern und ihr Spanisch damals noch viel zu schlecht gewesen, als das sie sich getraut hätte ihn anzusprechen. Aber später am Abend, nachdem sie im seichten Wasser gebadet, einen Artikel über die Bedeutung des Muschelkalks für die Beständigkeit der Riffe an der portugiesischen Südwestküste gelesen  und später mit einigen ihrer langweiligen Kommilitonen in einer kleinen Bar Sol y Sombra getrunken hatte, sah sie ihn wieder. Er saß am Straßenrand auf der Bord-steinkante und sprach laut und deutlich im amerikanischen Westküstenakzent in sein Mobiltelefon. Es ging um Geld und um die selbstverständliche Forderung an seine Mutter oder seinen Vater bitteschön mehr davon zu überweisen. Diese übertriebene Selbsteinschätzung, sein braun gebrannter Körper, die Tatsache, dass er Englisch sprach und die paar Drinks, die sie bereits intus hatte nahmen ihr die Angst, so dass sie sich schließlich getraut hatte ihn anzusprechen.

Später am Abend, besser gesagt bereits tief in der Nacht dann, nachdem er ihr die kleinen dunklen Gassen des Hafenviertels und die kleine verborgene Bucht am Rande der Me-tropole gezeigt hatte, sie im fahlen Mondlicht ihre jugendlichen nackten Körper erkundet hatten, erzählte er ihr von seinen Eltern, die Geld hatten, viel Geld. Er erzählte ihr vom unbekümmerten Leben am Strand, von Visa Schecks, teuren Autos und dem Leben als ein langer Sommertag an der playa. Auch später als sie schon lange ein Paar waren führte Miguel noch immer dieses unbeschwerte Leben und sie war eine angesehene Doktorin der Meeresbiologin und lebte zufrieden an seiner Seite.

Das Wasser wurde immer kälter und die untergehende Sonne tauchte das Meer in ein Licht, als wäre es mit einer dünnen Schicht Quecksilber überzogen. Eigentlich hätte sie sich jetzt mit Miguel in dem kleinen Restaurant am Yachthafen treffen wollen und bei einer Flasche Eis gekühltem Vino Verte, so wie immer, gebratenen Fisch gegessen. Danach, wenn die letzten Reste der Fisch-Zitronen-Soße mit Weißbrot aufgetunkt und der kleine schwarze Kaffee das köstliche mediterrane Abendessen abgerundet hätte, wären sie tanzen gegangen in Antonios Bar oder sie hätten sich geliebt im warmen Nacht-wind des südeuropäischen Sommers.

Doch jetzt war ihr nur kalt, eiskalt. Die Wel-len schlugen ihr übers Gesicht und sie musste an das vielseitige organische Leben hinter und vor allem unter ihr denken. Die Krebse und Krabben zwischen den Felsen mit Ihren scharfen Scheren. Die Moränen, die in den dunklen Felsspalten lauerten wie unheilvolle Wächter eines riesigen Unterwasserlaby-rinths. Weiter draußen, so dachte sie, zogen die riesigen Schwärme Dorsche, Heringe und Meeräschen vorbei. Die vielen verschiedenen Fischarten, die sich im seichten und tiefen Wasser der portugiesischen Westküste tummeln. Adlerfische, Flundern, Gold-brassen, Goldstriemen, Hornhechte, Makrelen, Meerbrassen, Meerforellen, Sack-brassen, Schollen, Seehechte, Seezungen, Streifenbarben, Streifenbrassen und Wolfs-barsche. Neben den Fischen die vielseitig gefärbten und geformten anderen Bewohner der ozeanischen Meeresfauna, wie Einsiedler-krebse, Seespinnen, Anemonengrundeln, Schlangenseesterne, Seescheiden und Schwämme. Oder Steinseeigel, Kletter-seeigel, Fünfecksterne, Kleine Felsengar-nelen, Käferschnecken, Napfschnecken, See-pocken und Netzreusenschnecken. Die geheimnisvollen, im Boden vergrabenen und beim schwimmen majestätisch dahin glei-tenden Bogenmund- und Gitarrenrochen. Und dann, ganz viel weiter draußen, lauern die wirklich großen Tiere des offenen Meeres und der Tiefsee: Der rote Thunfisch, ge-fleckte Seewölfe, Weißspitzen-, Hammer- und Katzenhaie, Riesenkalmare und natürlich Wale.

 

Die Meere waren leer gefischt, vergiftet, verkauft, kommerzialisiert und privatisiert.

So hatte sie es gelernt in den vielen Stunden ihres Studiums. Meeresbiologie. Wie geheim-nisvoll das geklungen hatte, damals als sie noch mitten in den Bergen des österreichi-schen Hinterlandes gewohnt hatte. Meeres-biologie. Die vielen Geheimnisse einer uns verborgenen Welt verstehen und erforschen lernen. Die mannigfaltigen Symbiosen zwi-schen Strömungen, Meeresgeografie, Laichplätzen, Nahrungsvorkommen, Meeres-flora und -fauna. Die  grausamen aber höchst interessanten und aufschlussreichen Hierarchien und Abläufe der Nahrungsketten. Das Zusammenspiel von Wind, Strömung und Gezeiten. Sie hatte alles gelernt und ver-standen, sie hatte es in sich aufgesogen wie ein Schwamm das Wasser. Ihren Abschluss hatte sie mit summa cum laude gemacht. Sogar einige Tauchgänge waren damals auf dem Programm gestanden. Trotz des enor-men Respekts vor der Urgewalt der Tiefe hatte sie auch dieses unvermeidliche Kapitel ihres Studiums bravourös gemeistert. Zwar nur mit einem kleinen Unterwasserboot, aber sie hatte die bezaubernde Welt bereits von unten gesehen. Und dennoch, das wirkliche, das echte und offene Meer war ihr immer  Furcht erregend und fremd geblieben. Es war nicht ihr Element. Sie fühlte sich immer hilflos und ausgeliefert im Angesicht dieser urgewaltigen Kräfte des Wassers.

 

Und das Wasser stieg. Als sie vor etwa drei Stunden hinausgeschwommen war in die Bucht, waren die Felsen links am Rande des kleinen Meerbusens noch hoch aus dem Wasser geragt. Mittlerweile schauten nur noch vereinzelt die Spitzen heraus. Gischt spritzte über ihr Gesicht und sie spürte wie ihre Kräfte schwanden.

Sie war eben nicht wie Miguel. Er hatte sie ein paar Mal mitgenommen zum surfen, zum laufen, ins Fitnessstudio oder zum Volleyball. Aber sie fand keinen Gefallen daran. Ihr ju-gendlicher Körper war auch ohne Sport stramm und fest geblieben. Ihre Brüst hingen noch keinen Zentimeter weiter unten als mit 16 und der nächtliche Sport, den sie mit Miguel oder den wenigen Liebschaften, der vergangenen Jahre betrieben hatte, hatte ihren Hintern eher gestrafft, als dass sich Cellulite hätte breit machen können.

Ihr Metier war nicht der Leistungssport und schon gar nicht der Wassersport. Ihr Metier waren vielmehr die Bücher. Vor allem die über das Meer. Die Studien und Statistiken, die wissenschaftlichen Abhandlungen, aber auch die Belletristik. Sie hatte Moby Dick gelesen und sich immer vor dem kühlen Seemannsgrab gefürchtet. Sie hatte mit Leidenschaft die Aufzeichnungen alter Seefahrer verschlungen, die von Fischzügen, Untiefen, Wind, Wellen und Sturm berich-teten. Später hatte sie dann den wissenschaft-lichen Weg eingeschlagen: PH- Werte, Algenwachstum, Korallenbildung, Fisch-sterben, Artensterben, Ölpest, Symbiosen, Golfstrom und Nahrungsketten. Sie hatte das Meer oder besser die sieben Weltmeere im-mer wie ein großes Diagramm gesehen, aus dem sie lesen konnte, und sie hatte es verstanden. Vor allem hatte sie verstanden, dass der Mensch dort weit draußen im Meer nichts verloren hatte. Er war ein Eindringling, ein Störenfried ein Parasit. Lichtfischerei, Treibnetze, riesige Teppiche aus Plastik und Müll. Der Mensch verschmutzte, rottete aus, tötete und nur manchmal, wenn er seine rettenden Inseln, seine hoch technologisierten Schiffe und U-Boote verlassen musste, dann wurde er Teil dieses Systems und – auch das wusste sie – dann war er plötzlich ganz weit unten in der Nahrungskette.

Sie hatte von Menschen gelesen, die drei Tage im Meer getrieben waren und gerettet wurden. Aber sie kannte auch die Geschich-ten von Kadavern. Große Kadaver. Höchstens drei Tage ist ein Kadaver im Ozean vorhan-den, wenn er nicht das Glück hat an Land getrieben zu werden. Entweder es kommen ein paar Haie oder andere große Raubfische und der Mensch ist ziemlich schnell Teil der Nahrungskette oder es geht langsamer und subtiler. Aasfresser knabbern ein wenig am Körper. Später sinkt der Kadaver auf den Grund. Krebse, Mikroben, Bakterien beginnen den Körper zu zersetzen. Fische kommen und fressen die Krebse und Mikroben. Größere Fische fressen die kleineren. Und auch sie werden später wieder selbst Teil der Nahungskette. Fische wie der Thunfisch, den sie immer so gerne gegessen hatte.

 

Auch heute hätte sie wieder gegrillten Thun-fisch als Vorspeise gehabt, mit Knoblauch und Zitrone und etwas Koriander wie es im südlichen Portugal auf der Speisekarte stand.

Sie kam sich auf einmal ziemlich klein vor und arrogant. Sie konnte die durchschnitt-liche Wassertemperatur am Kap der Guten Hoffnung im August in einer Tiefe von 37 Metern auswendig aufsagen, aber heute hatte sie nicht einmal einen Badeanzug angezogen. Sie fror entsetzlich. Einen Doradenlaich im fortgeschrittenen Entwicklungsstadium konnte sie mit geschlossenen Augen am Geruch erkennen, aber die Flut- und Ebbe- zeiten der Strände um Aljezur hatte sie beruhigt ignoriert. Irgendwann hatte sie be-gonnen zu schreien, doch die tosenden Wel-len, das Spritzen der Gischt und der auf-frischende Wind verschluckten alle anderen Geräusche. Sie sah noch, zwischen zwei Wellentälern, wie die letzten von der Sonne verbannten Touristen, in Erwartung einer warmen Süßwasserdusche, bevor sie die Abendbuffets ihrer Hotels plünderten, ihre Sonnenschirme und Handtücher zusam-menpackten. Sie konnte noch einige wenige Blicke auf ihr Fahrrad werfen, das an der hölzernen verrotteten Strandbalustrade lehnte, die den Weg über die Dünen befestigte. Aus ihren Fingern rann Blut. Es schmerzte entsetzlich  im Salzwasser. Der scharfkantige Muschelkalk auf den mit hunderten Seeigeln besiedelten Felsen war nicht länger zum Festhalten geeignet. Gischt, Weißwasser und Meersalz ermüdeten ihre brennenden Augen. Ihre zarten Hände versagten den Dienst. Sie hatte keine Kraft mehr. Der Sog, der nun wieder einsetzenden Ebbe zog ihren schlanken Körper aus der Bucht aufs offene Meer hinaus. Die maritime Nahrungskette des atlantischen Ozeans beginnt  mit Plankton und Mikroben und endet beim größten aller Meeresräuber, dem Hai. So hatte sie es gelernt.

In diesem Moment versank die Sonne im tosenden Quecksilber.