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06.06.2011

Im falschen Körper

„… endlich ungeschminkt“: Die Autobiographie der Transsexuellen Leonora Kurzeja

 

“Mein Körper fühlt sich von innen anders an als er von außen aussieht. Da wo der sogenannte Penis aus mir raushängt, spüre ich ganz genau einen Eingang. Eine Muschi.”

Die Autobiografie von Leonora Kurzeja beginnt in der Pubertät. Mit der Erkenntnis als Frau in einem männlichen Körper zu stecken, wird das Leben zur Qual.

Die mittlerweile geschlechtsoperierte Rockmusikerin aus Westberlin nennt das Buch ein “transsexuelles Roadmovie.”

“…endlich ungeschminkt,” ist keine literarischer Höhenflug und wird sicherlich kein Bestseller. Kurzeja ist ja auch keine Schriftstellerin.

Ihre Geschichte wird  von der Liebe zur Musik angetrieben.  Sie erzählt vom Trampen und Kiffen in den späten 70er und frühen 80er Jahren, vom Woodstock-Spirit, später vom Scheitern des Traums eine Familie zu gründen, von Alkoholismus und Hoffnungslosigkeit und am Ende von der Geschlechtsumwandlung. Zusammengehalten wird die Erzählung von der Transsexualität. Lange vor dem Schluss ist klar, dass die Gliederung unserer Spezies in zwei strickt von einander getrennte Geschlechter unhaltbar ist, weil es mehr gibt als Männer und Frauen.

Die Einteilung der Welt in Kategorien erleichtert unser Leben. Wir kategorisieren alles. Von Akten über Daten bis hin zu Pflanzen und Tieren. Ganz besonders gerne kategorisieren wir uns selbst als schwarz oder weiß, arm oder reich, Araber oder Jude, links oder rechts, Mann oder Frau. Über solche Kategorien identifizieren wir uns. Sie werden uns auch von anderen Menschen aufoktroyiert. Kaum erblickt eines das Licht der Welt wird seine geschlechtliche Identität festgestellt und festgehalten: Junge oder Mädchen, Glied oder Scheide. Die sexuelle Identität ist etwas besonders Starres, ihre dichotome Aufteilung ein Grundpfeiler unserer Gesellschaft. Dabei ist, wie“…endlich ungeschminkt“ zeigt, die Farbpalette unserer geschlechtlichen Identitäten viel größer als den meisten Menschen bewusst ist.

Transsexuelle existieren im öffentlichen Bewusstsein, zumindest außerhalb der Metropolen, nur als extravagante Schaustellerpuppen,  als sexualisierte, grell geschminkte Wesen des Rotlicht- und Straßenstrichmilieus.

Jahrhunderte lange Tabuisierung und Stigmatisierung ändern nichts daran: Trans- und Intersexualität sind ein Faktum. Nach Angaben der deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität leben in Deutschland etwa 170 000 transsexuelle Menschen, die meisten sicher zutiefst verunsichert, weil ihr Körper nicht der Norm entspricht.

Leonora Kurzeja schreibt auch von Selbstmordgedanken.

Werden komplexe lebendige Organismen in starre, vorgefertigte Formen gepresst, geht das nicht ohne Schmerzen ab.

Letztendlich geht Leonoras Lebensgeschichte gut aus, auch weil die Transsexualität mittlerweile in Deutschland juristisch und medizinisch anerkannt ist. Leonora konnte umoperiert werden, einen anderen Namen und damit eine neue Identität annehmen.

Doch rechtliche Akzeptanz bedeutet noch keine gesellschaftliche Achtung. Im öffentlichen Gedächtnis werden Transsexuelle noch immer sexualisiert und als abnorm, pervers oder krank wahrgenommen.

Aus diesem Grund wünscht man sich mehr Bücher wie dieses, die uns eine verschwiegene Realität vor Augen führen und die Kategorien unserer heteronormativen, andro- und eurozentristischen Weltbilder zerschlagen.

 

veröffentlicht in „junge welt“ vom 25.09.2010